Autor: Helene Oltrogge

  • Unausgesprochenes

    Unausgesprochenes

    Freitag, den 5. Februar 1926 Heute Morgen war es wirklich ein warmer Frühlingsmorgen. Als wir zum Friedhof hinaufgingen, nahmen wir die ersten Kätzchen mit. Zu Tisch Besuch: die junge Gräfin Westpfahl, der Graf. Im Zimmer der Baronin. Ich sehe Bine und mich am Fenster stehen, wir reden über Schmidts. Ich spreche meine Verwunderung darüber aus,…

  • Heimatlos

    Heimatlos

    Donnerstag, den 4. Februar 1926 Beerdigung. Glockenläuten. Schwarze Menschen, den Kirchhof hinan. Vorn der Sarg, dahinter die Familie. Direkt vor mir er mit seinen beiden Schwestern, Edam neben mir, dann all die anderen fremden Männer. Auf dem langen Weg durch den Flecken sah ich niemanden, nichts. Ich dachte nur an den Sarg, wie er im…

  • Das offene Grab

    Das offene Grab

    Mittwoch, den 3. Februar 1926 Bine und ich gingen den altbekannten Weg zum Kirchhof hinauf. Das Grab war schon ausgehoben, nicht weit davon eine Fläche brauner Heide. Der Kirchhof liegt schön hoch. Hier muss es sich gut ruhen lassen. Morgen werde ich dort mit den Menschen stehen, die mir auf der weiten Welt am liebsten…

  • Offene Fenster

    Offene Fenster

    Dienstag, den 2. Februar 1926 Dort, wo die Tote liegt, sind die Fenster weit geöffnet. Er stand vor der Haustür, weinend und sinnend, ging über den Hof und wieder zurück. Davon zehre ich nun. Nachmittags sah ich ihn im gelben Wagen wegfahren, allein. Fräulein Sprenger hat sich nach Kränzen erkundigt. Sie ist so lieb zu…

  • Plötzlich Tod

    Plötzlich Tod

    Montag, den 1. Februar 1926 „Heute Morgen ist meine Großmutter sanft entschlafen.“ Seine Augen sahen mich ernst und traurig an, als er mir die Hand gab. Bine und ich waren so lustig den Berg hinuntergelaufen, um Lotte abzuholen. Und nun das: der Tod. 85 Jahre alt. Was umschließt ein solches Leben an Arbeit und Sorgen,…

  • Sonnentag im Schnee

    Sonnentag im Schnee

    Sonntag, den 31. Januar 1926 War das wieder ein Sonnentag. Morgens habe ich Briefe geschrieben. Die anderen sind alle zur Kirche gegangen. Nach Tisch gehe ich nach oben, sehe aus dem Fenster: Lottes rotes Kleid, der weiße Schal darüber. „Huhu!“„Kannst doch mit? Wir fahren um 2 in den Wald.“ Dann kamen Kurt und Herr Edam.…

  • Unter einer Decke

    Unter einer Decke

    Sonnabend, den 30. Januar 1926 – Lottes Verlobungstag Lachend blauer Himmel. Wie Frühling. Ein Geheimnis! Nach der Turmstraße. Telefon. „Fräulein Schmidt, oder?“„Wie? Herr Schmidt? Ist Lotte nicht da?“„Doch, soll ich sie rufen?“„Nein, nur ob sie da ist, dann kommen wir herunter.“„Gut, ja.“ Es war’s! Dann sauste ich mit dem dicken Nelkenstrauß hinunter. Lotte war vor…

  • „Scio nescio“ – ich weiß es auch nicht

    „Scio nescio“ – ich weiß es auch nicht

    Freitag, den 29. Januar 1926 Ich erwachte nach einem wunderbaren Traum: Ich war unten mit Lotte und Herr Edam zusammen. Kurt war in Hannover. Es war schon spät, und ich wollte nach Hause. Da ging die Tür auf und in Pelzmantel trat der ein, den ich fern glaubte. Wir sahen uns an, ich trat einen…

  • Die Worte fehlen

    Die Worte fehlen

    Mittwoch, den 27. Januar 1926 Käthes Geburtstag! Draußen das reinste Frühlingswetter. Tante Marickel kommt. Ich bin unten zum Tee eingeladen, komme deshalb wohl wieder nicht hinunter. Sie fahren ja auch sicher ins Theater. Es läuft Othello. Er fragte mich, ob ich es kenne. Ja! Ob Handlung darin sei. „Der Mann ermordet seine Frau aus Eifersucht!“…

  • Frauen unter sich

    Frauen unter sich

    Dienstag, den 26. Januar 1926 Drei Briefe: von Idel, Liesel und Koli. Alle drei schwermütig. Koli hat mir nur noch eine unaussprechbare Hoffnung anvertraut. Wenn das nichts wird, bleibt sie allein. Ich muss ihr gleich schreiben und ihr helfen. Es geht ihr doch wie mir. Nachmittags waren Fräulein Sprenger und ich bei ihr. Abends Jungfer…