
Montag, den 31. Mai 1926
Die Sonne geht zur Ruh, doch noch einmal übergießt sie ihre Wolkenkinder mit den schönsten Farben. Könnte ich doch mit ihr wandern.
Käthe ist heute Morgen abgereist. Sie hat ein Stück Heimat mitgenommen. Bine und ich sind allein nach Hause gegangen.
Gestern: Hannover Münden. Ich saß vorn neben ihm, und doch fiel kaum ein Wort. Er, sonst so wortgewandt, war ganz ernst. Hinten alberten Edam und Käthe. Er bleibt mir ein Rätsel. Ob er Käthe liebt? Er mag uns beide. Wie so viele andere auch.
Ich soll seine Schwester vertreten, „ein wenig nett zu ihm sein“. Lisa würde das sofort tun, aber die will er nicht.
Edam war wieder hinter einem Kuss her. Im Auto, auf der Rückfahrt, saßen wir hinten. Der Likör hatte mich müde gemacht, doch ich wollte ihn nicht. Es war unerquicklich, wie er mich festhielt. Vorn drehte man sich um und lachte.
Die Herren gingen zur Jagd, Käthe und ich blieben bei der Baronin. Keinen Bock geschossen.
Tanz, Gesang, Klavierspiel. Dann wollten sie mir gemeinsam die Röcke kürzen. Lauter Übermut. Edam suchte mich zu trösten, strich über meinen Arm.
Und plötzlich erzählte ich vom Krankenhaus, vom Elend. Da hörte er zu. Sah mich an. War ernst. War gut.
Er will, dass ich mit nach Uslar komme, um mir mein Geld zurückzuholen. Mit Käthe will er sich in Hannover treffen und sie solle uns einmal besuchen.
„Nicht wahr, Wichtel?“
„Ja, gewiss.“
Er braucht immer einen Kreis von Frauen um sich. Soll ich eine von vielen sein? Käthe meint, wir müssten ihn eben als Freund nehmen. Doch etwas in mir sträubt sich. Lieber würde ich fortgehen.
Nach Tisch, in der Sonne, ließ ich Bine turnen und lief dann die Uslarer Chaussee hinunter, zum Steinberg, in die Tannen. Dort nahm ich ein Sonnenbad.
Kaum hatte ich mich entkleidet, da hörte ich Hufschläge, Hundegebell, eine Männerstimme. Mein Herz schlug laut. Schnell griff ich nach meinem Kleid, kauerte mich zwischen die Tannen.
Er kam herangeritten, hielt, sah über seine Felder. Ich wagte kaum zu atmen. Wenn der Hund mich witterte…
Dann. Erlösung. Er ritt weiter.
Und doch will mein Herz nicht glauben, dass er mich nicht liebt.


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