


Sonntag, den 27. Juni 1926
Ach, ich lebe. Ich fühle, dass er mich doch wohl liebt, dass er mich vielleicht sogar heiraten will. Morgen fährt er ab, erst zu Margas Hochzeit und dann nach Ostpreußen, und Lotte bringt er mit. Vierzehn Tage bleibt er sicher weg. Aber da war ja gestern, Sonnabend, der 26. Juni: Göttingen.
Freitag nachmittags und abends pflückte ich roten Mohn. Bine und ich gerieten in einen Regenguss. Mit Edam sprach ich über den Mohn. Als wir nach Hause kamen, wünschte er sich von mir eine Mohnblume. Ich holte sie ihm, wenn er mir dafür das Tagebuch geben wollte. Kurt, Edam und ich standen vor der Tür, und während ich Edam den roten Mohn gab, sah ich ihn strahlen, den Chef dagegen todernst. Sofort erteilte er Edam einen Auftrag.
Als ich abends kam, waren die Herren auf der Jagd. Wir Frauen saßen zusammen und klönten. Der Bock lebte noch. Auf Leres Wink hin gab Kurt mir einen großen Teller Erdbeeren ab, und danach schmauste er selbst wie ein Wilder.
Später kam das nächste Thema auf: 94 Prozent aller Frauen seien verdorben und schlecht, behaupteten die Herren. Lere und ich widersprachen. Der Kampf entbrannte.
Edam brachte mich nach Hause. Er war vernünftig, nett und ernst, so mag ich ihn schon leiden. Taulin sah uns.
Und gestern um halb zwölf rannte ich nach unten. Drinnen aß man noch. Ich setzte mich so lange auf die Chaiselongue und las Zeitung. Da kam Kurt plötzlich, fasste meine Arme, legte mich hin, tauchte über mich und zog mich wieder hoch. Alles musste eingepackt werden: Frau Schmidt Arzneien, für den Jungen Saccharin. Wichtel muss an alles denken, auch den Einschreibebrief mitnehmen.
Edam fuhr das Auto vor. Kurt und ich saßen vorn, Legau und Bierschenk hinten, und dann ging es los. Ach, herrlich war es! Kann es etwas Schöneres auf der Welt geben? Er saß neben mir. Gesprochen haben wir eigentlich kaum ein Wort, nur wenn eine Kurve kam, wurde ich ganz an seine Lederjacke herangedrängt.
Dann wurde Bierschenk abgesetzt und Legau in die Klinik gebracht. Lisa Stolz war krank. Es wurde überlegt, und schließlich wollte er sie mit mir besuchen.
„Die Arme“, konnte ich nur denken.
Da waren wir schon. In einem ziemlich geräumigen Zimmer, rechts in der Ecke das Bett. Dort lag Lisa, mit roten Backen, dunklem Haar und leuchtenden Augen. Ob sie mich sehr hasste?
Ach, ich wäre lieber gar nicht hereingegangen. Ich saß auf ihrem Bettrand, er auf meinem Stuhl davor. Und wie sie ihn ansah und sich freute. Er erzählte alles, und ich hätte weinen können. Weiß er denn nicht, wie sehr sie das quälen muss?
Und dann fasste er mich lachend an, ich sollte doch auch lachen.
„Sieht sie nicht aus wie das blühende Leben?“
Lisa sah mich an.
Und ich musste gut zu ihr sein. Ich litt ja mit ihr, hatte um denselben Mann vielleicht schon mehr gelitten als sie, nur dass ich es ihm nicht zeigte. Ich erzählte ihr von meinem vierwöchigen Krankenlager.
„Komm doch noch mal wieder, Kurt“, sagte sie zu ihm.
„Ja, wie ist es, Wichtel, können wir noch mal wiederkommen?“
Und dann behauptete er, ich hätte Lisa unbedingt besuchen wollen, während er gar nicht mitgewollt habe.
Abschied. Auto. Weiter.
„Eigentlich ist es schrecklich“, gab er zu. Es sei eine Quälerei für Lisa. Aber das möchten die Männer eben gern, sagte ich ihm. Er sah mich nicht an, widersprach jedoch.
„Sie wissen doch, was Lisa denkt und will.“
Aber er habe ihr zweimal gesagt, dass sich ihre Hoffnungen in dieser Weise nicht erfüllen würden, ob sie Freunde bleiben wollten.
„Wollte Lisa das?“
„Ja, aber sie hofft vielleicht, dass es doch noch einmal glücken kann.“
Das Auto wurde zu Meyer gebracht.
Und wieder fasste er mich um, hakte mich ein, als ich abwehren wollte.
„Wichtel, hier kommt uns doch keiner.“
Und dann sollte ich nicht so ernst sein, wenn ich mit ihm zusammen sei. Immer diese Blicke. Was will er denn nun bloß?
Crone und Lanz.
Am Fenster ein Tischchen. Wir beide allein.
Und er bestellte: Eis mit Schlagsahne, und er löffelte mir die Sahne darauf.
Dann kam es. Ich sollte ihm sagen, wie der Mann aussehen müsse, den ich wählen würde. Er müsste wohl sehr schick sein und so weiter.
Dann sprach er über die Ehe und wie sie sein müsse. Sie sei kein Ausruhen, sondern ein Arbeiten und Erziehen, einer am anderen.
Ich sah weder ihn noch die Studenten auf der Straße oder die Kellner, die servierten. Ich fühlte nur mein Herz angstvoll klopfen und hörte seine eindringliche Stimme.
Ob mir noch keiner begegnet sei, den ich heiraten möchte? Keiner?
Ich suchte noch immer und glaubte, man müsse vom ersten Augenblick an das Gefühl haben: „Der ist es, der gehört zu dir.“
Nein, das gebe es nicht, sagte er. Das komme erst mit der Zeit. Achtung müsse man haben.
„Wenigstens Vertrauen.“
Und auch das, meinte er, komme erst später.
Mit anderen Worten: Alles muss erst später kommen.
Und wieder fragte er, und ich antwortete und sah ihn groß an.
„Wenn ich den Mann eben nicht finde, dann heirate ich überhaupt nicht. Dann habe ich ja meinen Beruf.“
Da kam er mit dem Willen. Bei ihm sei die Hauptsache:
„Ich will – und dann geht’s.“
Und die Fehler würde man dem anderen schon aberziehen. Leiser fügte er hinzu:
„Durch sehr große Liebe.“
Die Kehle war mir wie zugeschnürt.
Man müsse den Verstand zu Hilfe nehmen. Sehr viel komme ihm auf die Familie an. Die Eltern und Geschwister würde er sich zuerst ansehen. Das Mädchen müsse hübsch sein, keine Schönheit gerade, aber gesund. Dann würden Plus und Minus gegeneinander abgewogen.
„Also erledigen Sie die Sache rein rechnerisch?“
Ich sah ihn an und musste schmerzlich-ironisch lachen.
Sehr ernst entgegnete er:
„Nein, das wissen Sie doch schon, dass es mir aufs Geld nicht ankommt. Ich darf gar nicht zu reich werden. Ich will arbeiten und muss arbeiten und kann arbeiten.“
Ich sah ihn an in seinem hellen Sommeranzug und sagte halb verzweifelt:
„Ja, ich finde überhaupt nicht mehr durch.“
„Wichtelchen, wollen wir wieder von vorn anfangen?“
Ich sah auf. Da stand Legau am Tisch.
Und nun hatte ich erst einmal Ruhe. Sein Chef fragte und unterhielt sich mit ihm, und mir war, als tue er das mit Absicht, um mir zu helfen.
Die beiden Herren tranken Kurwasser, ich Kaffee. Aus seinem Glas musste ich zuerst trinken.
Wieder dieser Blick. Und Legau starrte mich an.
Dann fasste der Mann mich unters Kinn und drehte mein Gesicht zu sich herum, so dass ich ihn ansehen musste.
Aber ich konnte nicht lachen, o, ich konnte nicht.
Ich fühlte, wie beide versuchten, mich zu durchforschen. Mein Gesicht sähe vergeistigt aus, meinte Legau.
Dann wollte ich zum Vertrag. Ich sollte wieder mit zurückkommen, aber das gab es nicht. Er sollte mir Legau dalassen, sonst wäre ich so allein.
Und nun konnte ich ihn lachend bitten.
„Ich lasse mit mir reden.“
Dann gingen wir los.
Unterwegs kaufte er mir Kirschen, Bananen und Zigarren, für sich Mandelbonbons. Dann wurde gefuttert, beide aus einer Tüte.
Sie brachten mich noch die Weender Straße hinunter, denn das Auto war noch nicht fertig.
Ach, herrlich ist das Leben.
Legau sollte mich abends von der Bahn abholen, dann wollten wir noch zur Jagd.
Auf den Straßen der Musenstadt Göttingen sah ich nichts. Er ging ja so dicht neben mir. Immer wieder hielt er mir die Tüte hin, und immer aßen wir.
Und lief ich ihm zu schnell, hielt er mich am Mantel fest.
Auf Wiedersehen!
Im Vertrag waren viele Menschen: Zunftgenossen, alt und jung, Männlein und Weiblein.
Aber eigentlich dachte ich an etwas ganz anderes. Daran, dass er sofort mit mir eine herrliche Reise machen würde. Ihr Jagddampfer, erster Koch, und wenn es 300 Mark kostete und er seine ganze Reise verkaufen müsste, er täte es.
Schon deshalb müsste ich doch „Ja“ sagen.
Hat er mich denn wirklich so lieb?
Mein Herz jubelte und zitterte.
Aber ich darf es ihm nicht so leicht machen, denn:
„Mich reizt der glühendste Kuss nur so lang, als ihn trotzige Lippen verweigern.“
Abends.
Ich aß mit ihnen. Er saß mir gegenüber. Es gab Sekt.
Er machte mir mein Glas fertig und legte eine Erdbeere hinein.
„Nimm doch nicht immer der Wichtel das Glas weg“, sagte seine Mutter.
„Ich muss ihr das doch fertig machen.“
„Wichtel und ich fahren auf Jagd“, hatte er zu Edam gesagt, der oben arbeiten musste. Aber wir waren dann doch zu Hause geblieben.
Er trank mir zu:
„Auf dass bei dem einen die Gefühle kommen.“
Ich lachte und wusste ja, was er meinte.
Legau brachte mich nach Hause.
Diesmal nur ein Handkuss.


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