

Sonntag, den 4. Juli 1926
Das Rad des Schicksals. Unaufhörlich rollt es.
Meine Zeit hier ist abgelaufen. Idel ruft mich zurück. Zum 1. September soll ich kündigen. Lotte hat sich am Freitag, den 25. Juni, mit Matthäi verlobt, und Anfang September wollen sie Hochzeit machen. Alles Glück der Erde wünsche ich ihr!
Und ich muss weg von hier.
Ich muss gewaltsam an all das Leid denken, das man mir hier zugefügt hat, und doch kommen mir die Tränen.
Es regnet immer. Warmer, weicher Sommerregen.
Ich kann heute nicht lachen. Gut, dass alle wegfahren. Die vielen Menschen bei Tisch. Ich sah sie alle mit schneidenden Augen an.
Wir wollten morgens eine Wagenfahrt machen. Lere wollte ich nachmittags das Schloss zeigen. Legau will ich besser behandeln als gestern Abend.
Nach zwei Monaten hier. Im August hat er Geburtstag.
Mit Bubi und Bine bin ich halb wie im Traum die Uslarer Chaussee entlanggegangen, immer die Berge mit den grünen Tälern davor im Blick. Die Kinder suchten die Äpfel am Wegesrand auf und spielten damit. Hoch in der Luft sang die Lerche.
Und er ist zwanzig Jahre älter als Lotte. Aber was schadet das? Sie lieben sich, und er wäre ein Edelmensch, schreibt Idel.
Dienstag in acht Tagen bringt uns der Baron nach Schliestedt. Ich soll danach Sonntag nach Hannover kommen. Hoffentlich hat man dort nichts vor.
Wenn ich bloß erst gekündigt hätte.
Und Lotte hier … dann gibt es keine gemeinsamen Winterabende mehr, kein Streifen durch Feld und Wald. Sie hier, ich dort.
Einen todtraurigen Brief von Marie Sie liebt den Ersten noch immer.
Nachmittags
Unten Erdbeeren gepflückt. Wir wollten ausfahren. Legau winkte zum Fenster hinauf. Frau S. hatte Kopfweh, sie sah elend aus. Die Professoren erzählten von ihrer Tiroler Reise.
Kassel – ob ich schon dort gewesen wäre? Nein. Da sagt Frau Schmidt: „Wichtelchen, da müssen wir beide mal zusammen hin. Ich wollte schon immer mal hin.“
Wie gut sie zu mir ist, dachte ich.
In den Erdbeeren hieß es dann: „Die Lotte und der Kurt kommen Dienstagabend um sechs wieder!“
Also doch schon! Ach, herrlich!
Um sechs fuhren wir los. Edam und der alte Herr zur Jagd. Nachher setzte ich mich zu Legau nach vorn. Er kutschierte mit der linken Hand.
Alles war so schön!
„Gute Frau, ich weiß es genau“, trillert Legau immer wieder und sieht mich spitzbübisch an.
Nachdem er mich Sonnabend nach Hause gebracht hatte, sei er noch anderthalb Stunden spazieren gegangen.
Warum?
Darauf bekam ich keine Antwort.
Am Berge ließ ich halten.
Abschied. Dank.
Abends konnte ich nicht.
Fünf vor sieben.
Im Galopp den Berg hinauf.
Es waren tatsächlich noch alle da. Die Baronin ruft mir gleich zu, dass Bine noch nicht da wäre.
Bei Tisch eine Bemerkung des Barons. Beinahe hätte ich Frl. Schmidt etwas gesagt. Darauf sie: „Nein, beinahe hättest du noch etwas Schlimmeres gesagt.“


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