Autor: Helene Oltrogge

  • Offene Fenster

    Offene Fenster

    Dienstag, den 2. Februar 1926 Dort, wo die Tote liegt, sind die Fenster weit geöffnet. Er stand vor der Haustür, weinend und sinnend, ging über den Hof und wieder zurück. Davon zehre ich nun. Nachmittags sah ich ihn im gelben Wagen wegfahren, allein. Fräulein Sprenger hat sich nach Kränzen erkundigt. Sie ist so lieb zu…

  • Plötzlich Tod

    Plötzlich Tod

    Montag, den 1. Februar 1926 „Heute Morgen ist meine Großmutter sanft entschlafen.“ Seine Augen sahen mich ernst und traurig an, als er mir die Hand gab. Bine und ich waren so lustig den Berg hinuntergelaufen, um Lotte abzuholen. Und nun das: der Tod. 85 Jahre alt. Was umschließt ein solches Leben an Arbeit und Sorgen,…

  • Sonnentag im Schnee

    Sonnentag im Schnee

    Sonntag, den 31. Januar 1926 War das wieder ein Sonnentag. Morgens habe ich Briefe geschrieben. Die anderen sind alle zur Kirche gegangen. Nach Tisch gehe ich nach oben, sehe aus dem Fenster: Lottes rotes Kleid, der weiße Schal darüber. „Huhu!“„Kannst doch mit? Wir fahren um 2 in den Wald.“ Dann kamen Kurt und Herr Edam.…

  • Unter einer Decke

    Unter einer Decke

    Sonnabend, den 30. Januar 1926 – Lottes Verlobungstag Lachend blauer Himmel. Wie Frühling. Ein Geheimnis! Nach der Turmstraße. Telefon. „Fräulein Schmidt, oder?“„Wie? Herr Schmidt? Ist Lotte nicht da?“„Doch, soll ich sie rufen?“„Nein, nur ob sie da ist, dann kommen wir herunter.“„Gut, ja.“ Es war’s! Dann sauste ich mit dem dicken Nelkenstrauß hinunter. Lotte war vor…

  • „Scio nescio“ – ich weiß es auch nicht

    „Scio nescio“ – ich weiß es auch nicht

    Freitag, den 29. Januar 1926 Ich erwachte nach einem wunderbaren Traum: Ich war unten mit Lotte und Herr Edam zusammen. Kurt war in Hannover. Es war schon spät, und ich wollte nach Hause. Da ging die Tür auf und in Pelzmantel trat der ein, den ich fern glaubte. Wir sahen uns an, ich trat einen…

  • Die Worte fehlen

    Die Worte fehlen

    Mittwoch, den 27. Januar 1926 Käthes Geburtstag! Draußen das reinste Frühlingswetter. Tante Marickel kommt. Ich bin unten zum Tee eingeladen, komme deshalb wohl wieder nicht hinunter. Sie fahren ja auch sicher ins Theater. Es läuft Othello. Er fragte mich, ob ich es kenne. Ja! Ob Handlung darin sei. „Der Mann ermordet seine Frau aus Eifersucht!“…

  • Frauen unter sich

    Frauen unter sich

    Dienstag, den 26. Januar 1926 Drei Briefe: von Idel, Liesel und Koli. Alle drei schwermütig. Koli hat mir nur noch eine unaussprechbare Hoffnung anvertraut. Wenn das nichts wird, bleibt sie allein. Ich muss ihr gleich schreiben und ihr helfen. Es geht ihr doch wie mir. Nachmittags waren Fräulein Sprenger und ich bei ihr. Abends Jungfer…

  • Feuer im Musikzimmer

    Feuer im Musikzimmer

    Montag, den 25. Januar 1926 Feuer ist unten gewesen. Eine Stunde später und das ganze Haus hätte gebrannt. Und zwar im Musikzimmer. Er schläft gerade darüber, und dabei haben wir doch gar nicht so eingeheizt gehabt. Der alte Schmidt meinte, das käme von meinem heißen Blut, ich hätte da an der Wand gesessen. Frau Schmidt…

  • Das Lachen bleibt

    Das Lachen bleibt

    Sonntag, den 24. Januar 1926 Ja, das heitere Leben! Geistiges, pulsierendes, jauchzendes, freudiges Leben! Solch ein Sonntag! Morgens: Freigeist. Schularbeiten in Theorie und Praxis. Gelesen, bis mir der Kopf rauchte. Bine war immer unten, da hatte ich Muße. Bei Tisch fragt mich die Baronin, ob ich hinunterginge. „Ja, nach dem Kaffee.“ Also nun war es…

  • Ein neuer Faden

    Ein neuer Faden

    Sonnabend, den 23. Januar 1926 Gestern kam ein Brief von Lottes Kurt und 15 Mark. Dafür soll ich ihr Rosen oder Nelken zum Verlobungstag kaufen. Auch wenn ich wollte, nun kann ich wohl mehr zurück. Das ist wieder ein Faden, der gesponnen ist, der hinüber- und herüberläuft, den ich nicht zerreißen kann zwischen Schmidts und…