Autor: Helene Oltrogge

  • Wie eine Schwester

    Wie eine Schwester

    Mittwoch, den 20. Januar 1926 Gestern Abend war Lotte bei mir. Bis spät in die Nacht hinein haben wir erzählt, dicht nebeneinander auf dem Sofa. Sie hielt meine Hand in ihren guten, großen Händen und streichelte sie immerzu. Sie hat so viel Mütterliches, echt Frauliches. Und doch sind wir oft wie nur Mädchen sein können:…

  • Ein halber Blick

    Ein halber Blick

    Sonntag, den 17. Januar 1926 Ich bin schon den ganzen Morgen bei Bine. Baron Clierhausen (?) fragte, ob ich mitwollte? Herr Schmidt. Halle. Mittags rief Lotte mich an, ich solle kommen. Um fünf gehe ich hinunter. Edam. Schneeball! Eben ist der Chef wiedergekommen. Es wäre mir lieber gewesen, er wäre früher gekommen. Lotte im roten…

  • Hinter roten Vorhängen

    Hinter roten Vorhängen

    Sonnabend, den 16. Januar 1926 Strahlende Sonne auf weiß leuchtendem Schnee. Jetzt eine Schlittenfahrt durch verschneite Wälder, über Berge, durch Täler und leise müssen die Glöcklein klingen. Wieder Krankenschwester hier oben, und meine Sehnsucht wandert hinaus. Und ich denke: Jetzt sehen sie da unten die roten Vorhänge und werden wissen, warum ich nicht komme. Wenn…

  • Ein Wichtel unter vielen

    Ein Wichtel unter vielen

    Freitag, den 15. Januar 1926 … und bin doch gegangen. Das Geschick wollte es: Frl. Sprenger war nicht da, also weiter. Helles Licht und Lachen. Ob Marga schon da war? Ich klingelte. Er öffnete: blauer Anzug, strahlend. Marga ebenfalls. Lotte kommt abends, nun tut ihm sein Brief schon leid. Im Zimmer waren alle: seine Mutter,…

  • Ein Tag in Stichworten

    Ein Tag in Stichworten

    Donnerstag, den 14. Januar 1926 – Göttingen, Nikolausberg Nein, was war das wieder für ein Tag. Stichworte müssen genügen: Die Nacht geschneit, eisig kalt. Kramer, offener Wagen, Gräfin Inge und ich, zwei mal zwei Rückfahrkarten. Wandern getrennt zum Friedländer Weg. Direkt weiß, gütig, sehr nett. Bine erst im Jahr gegrüßt. Besorgungen, Zwei Mal verlaufen. Um…

  • Schritte auf dem Flur

    Schritte auf dem Flur

    Dienstag, den 12. Januar 1926 „Ja, der Sonnenschein … hat’s fein!“ Dieses Lied summte ich den ganzen Tag. Es war auch blendender Sonnenschein. Morgens waren viele Eisblumen am Fenster. Nach Tisch saß ich im Sessel am Ofen und dachte daran, dass man uns unten sicher erwartete. Warum sonst hatte er früh morgens so lange am…

  • Der alte Lieblingsweg

    Der alte Lieblingsweg

    Montag, den 11. Januar 1926 Nach der Schule machten wir einen Spaziergang auf den Lechtmer Berg. Den alten Lieblingsweg entlang. Wie oft waren wir ihn schon gegangen? Im Frühling, wenn alles grünte und blühte. Nur der dicke Turm dahinter nicht, der behielt immer sein gleiches Gesicht. Wie oft hatten wir dort die Bahn in die…

  • Zurück in Adelebsen

    Zurück in Adelebsen

    Sonntagabend, den 10. Januar 1926 Abschied von Idel. Schwere Koffer, langweilige Fahrt, wenngleich der Himmel blaute, als ob es schon Frühling wäre. Aber ich bin so todmüde. Adelebsen! Mit Müh und Not bekam ich meine Siebensachen heraus aus der Bahn. Da sauste Bine auf mich los, küsste mich, zog mich herunter, jubelte und gebärdete sich…

  • Alles genau wie früher

    Alles genau wie früher

    Sonnabend, den 9. Januar 1926 Idel, Käthe und ich wollen ins Kino. Ich ginge lieber in die Schauburg. „Herodes und Marianne“ läuft gerade. Anna war die ganze Woche hier. Gott sei Dank kommt sie nicht mehr in unsere Wohnung. Und morgen fahre ich nun schon wieder zurück. Lotte hat mir am 2. Januar einen Brief…

  • Was bringt 1926?

    Was bringt 1926?

    Freitag, den 01. Januar 1926 – Neujahr Was bringt mir 1926? Glück oder Leid? Erfüllung meines Herzenswunsches? Dass ich ihn liebe, glaube ich zu wissen. Dass mir ohne ihn die Welt einsam und leer erscheint, habe ich gestern gemerkt. Wenn Idel nicht gewesen wäre, hätte ich wohl eine Dummheit begehen mögen. Weil ich gar nicht…