Autor: Helene Oltrogge

  • Zorn und Zärtlichkeit

    Zorn und Zärtlichkeit

    Sonnabend, den 21. November 1925 Morgens Ist das möglich? Die Baronin, die Liebenswürdigkeit selbst! Es hätte ihr leidgetan, dass sie mich hätte rufen müssen. Ich wäre doch sicher noch gern länger geblieben. Beim Frühstück bemühte sie sich, mich zu unterhalten. Ich war wie sonst höflich, aber es braucht sie nicht zu wundern, wenn ich mit…

  • Jagdtag

    Jagdtag

    Freitag, den 20. November 1925 Alles weiß vom Frost. Jagd! Ich habe frei! Ich laufe um zehn Uhr hinunter. Ich will mit Lotte ausgehen. Der Baron lud mich zwar zum Jagdfrühstück ein, aber ich lehnte ab. Was soll ich dort? Es würde mir höchstens leidtun, wenn er da ist und auf mich warten sollte. Sie…

  • Bines Sklavin

    Bines Sklavin

    Donnerstag, den 19. November 1925 Das schönste Wetter. Und ich bin wirklich fast Bines Sklavin. Ich darf nicht weggehen. Sie sagt zu ihrer Mami, sie käme um halb sechs hinunter, also so lange muss ich bleiben. Und sie würde mich auch dann nicht fortlassen, wenn ich nicht für ihre Mami zur Post müsste. Jedenfalls laufe…

  • Ein Bußtag im Sturm

    Ein Bußtag im Sturm

    Mittwoch, den 18. November 1925 – Bußtag Schneidend scharf ist der Wind. Das Kind liegt im Bett, und ich muss im Hause bleiben. Immer im Haus… gefangen. Wie anspruchsvoll die Menschen sein können. Heute Abend kommt Fräulein Sprenger, und ich habe ihr nichts anzubieten, gar nichts. Sogar wenn ich an etwas anderes denke, merkt das…

  • Der rote Weg

    Der rote Weg

    Dienstag, den 17. November 1925 Bine ist noch immer erkältet. Nach Tisch ging ich hinunter. Niemand war da. Lotte sollte um zwei aus Göttingen kommen. Ich ging über den Hof zur Bahn, aber statt Lotte kamen nur viele Juden. So klar der Himmel, so herb und frisch die Luft! Wohin sollte ich gehen? Den roten…

  • Das Kostümfest

    Das Kostümfest

    Montag, den 16. November 1925 Bine ist erkältet. Sie schläft bei ihrer Mami auf der Chaiselongue. Draußen schmilzt der Schnee und der blaue Himmel bricht durch. Und gestern… was für ein Tag! Nach dem Kaffee lief ich hinunter. Jetzt kommt es mir fast selbstverständlich vor. Alle waren da. Wir spielten und lachten. Ich spielte mit…

  • Scherz oder Schmerz?

    Scherz oder Schmerz?

    Sonntag, den 15. November 1925 – Kostümfest? Ich machte mich eben mit Bine auf den Weg runter aufs Gut. Sie weinte, weil ich nicht mitwollte. Lotte kam von oben angelaufen und brachte uns ins Herrenzimmer. Er saß, im braunen Anzug, neben mir. Frau Schmidt brachte Apfelkuchen. Dann gingen wir hinaus zur Schaukel. Er sang die…

  • Ein Herz in Flammen

    Ein Herz in Flammen

    Freitag, den 13. November 1925 War das ein Abend! Schlag acht ging ich mit meiner Laute und der Blendlaterne den Berg hinunter. Den allbekannten Weg. So froh. So glücklich. Über mir die Sterne. Es weht ein scharfer Ostwind. Drinnen war es warm. Frau Schmidt rief mich an den Ofen, ich sollte mir die kalten Hände…

  • Lachen oder Weinen

    Lachen oder Weinen

    Donnerstag, den 12. November 1925 Lachen möchte ich. Weinen möchte ich. Mir ist, als könnte es nicht sein. Ich muss für heute Abend Fräulein Sprenger abbestellen, denn Marga bleibt noch. Meine Laute soll ich mitbringen, aber ich will vorher noch üben. Selig hüpfte ich mit Bine die Uslar Chaussee hinunter, mitten auf der Straße musste…

  • Das Rad des Schicksals

    Das Rad des Schicksals

    Mittwoch, den 11. November 1925 Die beiden Ostfalen stehen rechts und links auf meinem Schreibtisch. Ach nein! Hermannsbruder, warum antwortest du mir nicht auf meinen Brief? Im Ofen prasselt das Feuer, draußen ist klarer, kalter Sternenhimmel. Erst war ich traurig. Wir waren unten. Er war zur Jagd ausgeritten und kam und kam nicht. Obwohl Marga…